Machtmissbrauch im religiösen Kontext verhindern

Menschen im Kanton St.Gallen sollen ihren Glauben in einem sicheren Umfeld ausüben können. Religiöse und staatliche Stellen wollen ihre Verantwortung gegenüber rat- und hilfesuchenden Menschen bewusster und besser wahrnehmen. Dazu haben die Religionsgemeinschaften und der Kanton gemeinsam einen «Kompass zum Umgang mit Machtmissbrauch im religiösen Kontext» entwickelt. Der Kompass enthält praxisorientierte Leitsätze und Massnahmen im Bereich von Intervention, Nachsorge, Aufarbeitung und Prävention.
Der Kanton St.Gallen anerkennt die wichtige gesellschaftliche Rolle der verschiedenen Religionsgemeinschaften. In den letzten Jahren hat sich aber auch gezeigt, dass die Notwendigkeit von verstärkten Interventions- und Präventionsmassnahmen im Bereich Missbrauch besteht. Im Rahmen der «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat» haben sich die beteiligten Religionsgemeinschaften und der Kanton St.Gallen mit dem «Kompass zum Umgang mit Machtmissbrauch im religiösen Kontext» auf einen gemeinsamen Orientierungsrahmen verständigt.
Entwicklungsprozesse und gemeinsames Lernen fördern
Der Kompass soll als Ausgangspunkt für die Präventionsbemühungen und damit verbundene Entwicklungsprozesse in den einzelnen Religionsgemeinschaften dienen. Dies im Bewusstsein, dass sich die Religionsgemeinschaften stark unterscheiden, auch was die Grösse, Strukturen und Ressourcen betrifft. Deshalb wird es nicht allen gleichermassen möglich sein, sämtliche Aspekte des Kompasses zeitnah umzusetzen.
Der Kompass gibt allen Beteiligten eine klare Richtung bezüglich Haltung und künftigen Entwicklungen vor. Zudem finden sich hier, ergänzend zum Kompass aktuelle Links zu weitergehenden Informationen, Unterlagen, Weiterbildungen und Veranstaltungen – mit dem Ziel, dass Religionsgemeinschaften sich in diesen Fragen vernetzen und voneinander lernen. Inhaltlich bietet der Kompass Orientierung für Leitungs- und Fachpersonen sowie Freiwillige in den verschiedenen Gemeinschaften. Er zeigt Handlungsoptionen auf, in der Aus- und Weiterbildung, im Umgang mit Risikosituationen, in der Bewältigung von Krisensituationen, im empathischen Umgang mit Betroffenen oder in Bezug auf einen kritischen Blick auf die eigene Organisation.
Fachtagung zum Thema Machtmissbrauch
Das Departement des Innern hat den Kompass anlässlich einer Fachtagung zum Thema «Machtmissbrauch im religiösen Kontext» am 4. Juni 2025 präsentiert. An der Tagung nahmen rund 40 Fachpersonen und Freiwillige von Religionsgemeinschaften aus dem ganzen Kanton teil. Neben der Sicht der Betroffenen, die durch Vreni Peterer, Präsidentin der «Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld» eingebracht wurde, ging Stefan Loppacher, Präventionsexperte der Fachstelle «MachtRaum», vertieft auf das Phänomen des «spirituellen Missbrauchs» als spezifisches Risiko von Religionsgemeinschaften ein.
Einen wichtigen Quervergleich zum Breitensport ermöglichte schliesslich das Referat zu «Ethik im Sport» von Karin Iten, Fachspezialistin Gleichstellung und Diversität bei Swiss Olympic. Es zeigte insbesondere auf, dass Machtmissbrauch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und die Ausgangslage im Sport durchaus gewisse Parallelen zum religiösen Kontext aufweist.
Vorstoss im Kantonsrat
Die Arbeiten des Departementes des Innern gehen auf den im Herbst 2023 veröffentlichten Bericht zum sexuellen Missbrauch im katholischen Umfeld zurück. Die Regierung hielt in ihrer Antwort auf das Postulat (43.23.01) «Sexueller Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche: Verhältnis zwischen Kanton und Religionsgemeinschaften überprüfen» fest, dass das Thema Missbrauch in Religionsgemeinschaften in der «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat» vertieft erörtert werden soll. Das Departement des Innern führte zwischen Frühjahr 2024 und Sommer 2025 mehrere Sitzungen mit den Religionsgemeinschaften durch, unter anderem unter Mitwirkung der Opferhilfe SG-AR-AI.
Der Kompass zum Umgang mit Machtmissbrauch im religiösen Kontext ist hier neues Fenster.